Hannes Patta - Master Han
Winterkönig der Abraxa
1965 - 2009


Wir verabschieden unseren Freund und Künstlerkollegen Hannes Patta


Als ich ihn kennen lernte, es war im Inneren eines roten Autos, fischte er eine Dose Bier aus seiner Tasche, knackte den Verschluss auf und wippte mit dem Kopf zur Musik, die stakkatoartig aus den PVC Lautsprechern drang. Ich sah ihn an, folgte dem gelben Auto vor uns, und rammte beinahe die entgegenkommende Straßenbahn. Wir hörten Attwenger, und ich weiß nicht, wie oft ich ihn fragte, ob ihm diese Musik auch recht sei. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese Musik irgendjemandem außer mir überhaupt erträglich erscheinen konnte. Doch das tat sie, und Hannes, er fuhr fort, mit dem Kopf zu nicken. Ich freute mich, ihn genauer beobachten zu können, als wir Halt machten, zu viert am Tisch saßen, kannten und kennen lernten. Er saß mir gegenüber, ein Glas Bier in der Hand, lächelnd, scherzend. Ich konnte noch nicht erahnen, wie oft sich diese Situationen wiederholen würden, war, ebenso wie meine Begleiter, voll Vorfreude und Tatendrang.

Und dann fuhren wir weiter, passierten das Flachland, passierten die Hügel, sahen die ersten Berge vor uns auftauchen, und Hannes, er erzählte. Erzählte, als ob wir uns schon Jahre kennen würden, und nach den wenigen Stunden Fahrt hatte auch ich den Eindruck, ihn ewig zu kennen. Alles was er erzählte, und ich weiß nicht mehr was es war, schien zunächst trivial, schien wie eine kontinuierliche Geschichte, ein Sammelsurium aus Eindrücken und Erlebnissen. Doch je länger ich zuhörte, und je besser ich seine Geschichte kennen lernte, desto mehr bekam ich den Eindruck, dass es eine Geschichte der Ewigkeit war, eine Geschichte, die mehr war, als nur das, die Wissen bedeutete, und Einsicht, Sensibilität und Kenntnis. Schließlich türmten sich die Berge immer weiter auf, und wir gelangten in meine Heimat, zu dem Ort, den wir bestimmt hatten, um eine Woche zusammen zu sein, zu leben, zu zeichnen, zu trinken und zu feiern.

Wir parkten die Autos vor einem alten Wirtshaus und suchten nach den Besitzerinnen, zwei alten Schwestern, die jedem Kuriositätenkabinett die größte Ehre gemacht hätten. Die Autos und Lastwägen donnerten auf der Schnellstraße an uns vorbei, ich zündete eine Zigarette an, und Hannes schlenderte um das Areal, betrachtete den Garten und die Fenster des Festsaals, vor denen er die nächste Woche lang zeichnen würde, aus denen er den wundervollen Ausblick in den riesigen Garten mit dem aufgelassenen Schwimmbecken, dem hohen Gras und den, nach den Wolken strebenden Buchen, genießen würde. Vor dem Hof verlief die Straße, die ihn vom alten Schloss und dem kleinen Berg, von der Betonstockbahn und dem Rest der Welt trennten, dahinter hatte sich der Fluss über Jahrtausende sein Bett tief in das Gestein gegraben.

Schließlich öffneten sich die Tore, der Lärm der Schnellstraße verebbte, und wir traten in die alte Gaststube ein, packten aus, installierten unsere Staffeleien, unsere Tische, machten Musik, wie wir die ganze Woche über Musik machen würden, und unterhielten uns mit den skurrilen Schwestern. Und Hannes, er unterhielt sich mit den Betonstockschützen, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihrer Leidenschaft nachgingen, hin und wieder in die Wirtsstube kamen, um etwas zu trinken, um mit den Schwestern zu reden. Nach wenigen Minuten hatten er (Hannes) und sie (die Betonstockschützen) ihre gemeinsamen Bekannten ausgetauscht, ihre Jugendfreunde, alle aus derselben Region, als dieselben identifiziert, ihre Geschichten gegeneinander aufgewogen. Er kannte, so schien es mir, die ganze, Welt, und den Teil der Welt, den er nicht kannte, der kannte ihn, oder hätte zumindest, so wie ich, nach wenigen Augenblicken den Eindruck, ihn schon ewig zu kennen.

Und mein Gefühl, ihn schon ewig zu kennen nahm von Minute zu Minute zu, bald fühlte ich mich ihm seit Jahren verbunden, bald seit Jahrzehnten, und bald dachte ich, er wäre schon mein ganzes Leben mein Freund, und mehr als das. Auch die Eisstockschützen bemerkten, dass es schwer sein würde, sich nicht mit ihm zu unterhalten, sich nicht mit ihm zu verstehen, und auch wenn sie es nicht festgestellt hätten, so hatten wir doch alle das Gefühl, er würde jede Sprache sprechen, je nach dem, in welcher Situation er sich wieder fand. Schließlich stellte ich überraschend fest, dass diesem Menschen jegliche Arroganz völlig fremd war. Ich konnte es zunächst kaum fassen, dachte, dass ein Mann mit seiner Bildung und seinen Talenten doch jedes Recht hätte, arrogant zu sein, und überheblich, ja ich erwartete es förmlich, doch es blieb aus. Jedes Wort mit jedem Menschen war schließlich völlig ehrlich, war auf dessen Niveau, ohne nur eine Spur der Anbiederung zu hinterlassen. Ein Mensch, der alle Worte dieser Welt beherrschte, und sie nicht verwendete, wenn es nur darum ging, sich zu profilieren. Niemals hätte er versucht, zu beeindrucken, und das war das Beeindruckende, obwohl er jeden Anlass, jeden Grund und jede Rechtfertigung dieser Welt dazu gehabt hätte, er blieb er und unterhielt sich prächtig. Eine Eigenschaft, die für ein künstlerisches Ego nur schwer nachzuvollziehen ist.

Schließlich quartierten wir uns ein, zeichneten, schliefen hinter den Mauern, die seit Jahrhunderten standen, Menschen seit Generationen Zuflucht boten, wurden geweckt, tranken Kaffee und Bier, machten unsere Bilder, schielten über unsere Schultern, doch vor allem redeten wir. Ich wurde darauf aufmerksam, wie belesen er war, wie sehr er sich interessierte, und obwohl ich den einen oder anderen Intellektuellen kenne, der sich intensiv mit dem Boxen beschäftigt, schien mir zunächst, dass diese Leidenschaft nicht so richtig zu ihm passte. Als er es mir zeigte, die Bewegungen, die Schläge vorführte, begann ich zu verstehen. Ich verstand, dass seine Art zu boxen, und seine Art, sich für das Boxen zu interessieren, eine höchst vergeistigte war, eine dynamische war, wie auch das Boxen für ihn etwas Dynamisches war, etwas war, das Leben verkörperte, einen Kampf vielleicht, den er ausgefochten hatte, von dem ich nichts wusste und nichts weiß.

Er saß vor dem Fenster und zeichnete Boxer, zeichnete berühmte Ereignisse, und was mich, und nicht nur mich, zutiefst beeindruckte: er zeichnete sie aus der Vorstellung, zeichnete den linken Haken in der zweiten Minute der dritten Runde eines Boxkampfes, der dreißig Jahre oder mehr zurückliegen mochte. Und obwohl ich es nicht auf seine Richtigkeit überprüfen konnte, ich wusste, er wusste es. Nur schreiben wollte er nicht. Er diktierte höchstens, doch setzte sich nie vor die Underwood, tippte kein Wort, wenn er nicht gezwungen wurde. Er ging spazieren, ging zur Burgruine, zum Schloss, folgte der Schlucht bis in die nächsten Ortschaften, allein, und kehrte wieder zurück, gut gelaunt, wie er die ganze Zeit gut gelaunt war. Wir teilten uns den alten Festsaal zu viert, hatten Platz, so viel Platz, dass ich es nie für möglich gehalten hätte, und wir hatten Besuch. Die Menschen des Ortes, die Schaulustigen, Bekannte und Freunde erwiesen uns die Ehre, wir saßen inmitten des riesigen Saales, um einen kleinen Holztisch und köpften Weinflaschen, lauschten der Musik und machten Ausführungen zu den entstandenen Bildern. Und Hannes, er bewies sich nicht nur als talentiert und beflissen, er zeigte auch Kunstverstand, er kannte die Geschichte, kannte die Gegenwart, die Politik, den Sport, und all dieses Wissen, das scheinbar nichts mit dem Feld der Kunst zu tun hat, münzte er um bis zur Allgemeingültigkeit und schließlich bis zur spezifischen Aussage.

Oftmals gingen wir in den Ort, zum Wirten, aßen und tranken, lauschten den Gesprächen der Jäger, der Kartenspieler und der Betrunkenen, wobei das eine das andere nicht ausschloss. Und immer mehr gewann ich den Eindruck, dass diese Welt, die Welt des Rauches und des Rausches, der Wirtshausgeräusche, der Wirten und des Essens, dass diese Welt Hannes´ Welt sei, ein Bereich, den er mehr schätzte, als die Welt der Kunst etwa. Und darin zeigte sich seine Unmittelbarkeit, sein ehrliches Interesse an allem anderen, außerhalb seines Selbst. Ich kannte ihn nie als den Mann seiner Position, ich kannte ihn als Menschen ohne Position, ohne Beruf – er verwendete immer das Wort Beruf und nie das Wort Job, denn ein Beruf, so sagte er, wäre nicht denkbar ohne den Wortstamm Berufung, während ein Job nur etwas sei, um Geld zu verdienen – wenngleich ich wusste, wie gut und beliebt er in seiner Position war. Es war dieses bürgerliche Leben, wie er es selbst bezeichnete, aus dem er kam, und in das er zurück müsste und natürlich auch zurück wollte, von dem er sich eine Woche Auszeit nahm, das er kurz beiseite ließ. Für mich war er der Historiker, der Politologe, der Boxer, und der Boxtheoretiker, der Leser und Zeichner, und nicht zuletzt der Trinker, der mir fast am liebsten war. Er war mir so lieb, weil er dann zu wissen schien und nicht zu wissen, weil er sich und alle anderen entblättern konnte, ohne einen Schritt zu weit zu gehen, und weil ich mich gern entblättern ließ, ehrlich wurde, so wie auch alle anderen ehrlich wurden, wenn er es forderte, wenn er es war.

Ich weiß nicht mehr, wie es war, als er abreiste. Ich weiß, wir waren den letzten Tag zu dritt, wir machten unsere Ausstellung zu dritt, und Hannes, er fuhr zu seiner Familie. Gerne hätten wir ihn auch noch diesen Tag bei uns gehabt und ich denke, er wäre noch gerne geblieben. Wir sahen uns noch öfters, tranken noch öfters ein Helles, unterhielten uns noch öfters, doch der Hannes, den ich kannte, würde immer der Hannes bleiben, den ich vor zwei Jahren auf dem Vordersitz des roten Autos kennengelernt hatte.

Sebastian Gärtner

Schön war es mit Dir, Hannes -
Wir sehen uns, Master Han!

Gerhard W. Schmidbauer - Master Bran
Tanja Zauner - Mastress Than
Sebastian Gärtner - Master Sam


Fotos von Hannes

 
Winterkönig Han
378 p.i.d.m.



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